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Jan Schüler. Von Zeit und Fluss

Text zur Ausstellung in der Galerie Poll, Berlin, 23. April bis 6. Juni 2026

Alle Gemälde, auch die, die noch entstehen, gehören in die Reihe »Deutsche Landschaft«, wobei die Motive von KZ-Gedenkstätten, mit denen ich die Serie 2016 begonnen hatte, immer weiter in den Hintergrund treten.

Den Gemälden gehen Wanderungen voraus, in denen ich die Landschaft erlebe, förmlich in ihr aufgehe und durch das Sehen mit dem Horizont verschmelze. Diese Wanderungen kann ich nur in aller Stille allein unternehmen, laufe an manchen Tagen bis zu 30 Kilometer. Eine Begleitung, ein »atmendes und sprechendes Wesen« an meiner Seite, würde die Verschmelzung mit der Landschaft behindern. Und ich liebe das Gefühl einer absoluten Freiheit.

Wanderungen unternehme ich seit meiner Jugend. In den 1980er Jahren bin ich durch die hessische Landschaft von Gießen nach Marburg gelaufen, wo meine Großeltern gelebt hatten. In Marburg angekommen, lief ich durch die Stadt bis zum Bahnhof und schaute von den Eisenbahnbrücken auf die abfahrenden Züge. Anschließend lief ich zurück. Meistens habe ich es nur noch wenige Kilometer aus Marburg herausgeschafft. In einer kleinen Ortschaft stieg ich dann in einen Bummelzug, der in allen Dörfern Station machte, und kam am Gießener Bahnhof wieder an. 

Wenn ich heute meine Wanderungen unternehme, bereitet mir am ersten Tag, wenn ich noch nicht eingelaufen bin, mein Rücken Probleme. Doch solche Malaise ignoriere ich und laufe einfach weiter. Und werde immer leichter. Die Beschwerden hören auf und ich höre sogar auf zu denken. Bin nur noch Körper, wie eine funktionierende Maschine, und zum Schluss habe ich ein Gefühl, als könne ich fliegen. Eine Euphorie stellt sich ein. Ab dem zweiten Tag laufe ich wie geschmiert.

Seit meiner Kindheit laufe ich durch die Landschaften wie durch mein Leben mit einem »Abschied nehmenden Blick«. Als ich sechs Jahre alt war, verstarb der Marburger Großvater. Im Rückblick erzählte meine Mutter, dass ich zu einem Kinderpsychologen geschickt wurde, da ich über das Ereignis nicht hinwegkam. Erinnern kann ich mich daran nicht. Wohl aber, dass ich Grabkreuze auf die Wand an meinem Bett malte, weinend, »Opa ist tot, Opa ist tot«. Ich hatte verstanden, dass wir nur eine kurze Spanne Zeit auf dieser Erde zu Gast sind, dass ich im Laufe meines Lebens noch öfter verlassen werde, dass nichts bleibt und sich alles immer wieder ändert, bis eines Tages »mein Tag« kommt. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an meinen Tod denke. Ich unterhalte mich mit ihm wie mit einem Bruder. Ich möchte nicht in einem Haus sterben, begrenzt durch Mauern. Ich möchte auf einer meiner Wanderungen sterben, so dass ich direkt hinaufsteigen kann in den blauen, weiten Himmel.

Meine Bilder haben alle mit Abschiednahme und dieser Sehnsucht nach Verschmelzung und Auflösung zu tun. Und ich möchte die Schönheit dieser Welt malen. Im Juni vergangenen Jahres fuhr ich nach dem Frühstück in einem Landgasthof bei Stralsund über die Brücke nach Rügen, um den Nationalpark Jasmund zu besuchen. Den Wagen stellte ich im Örtchen Nipmerow ab und nahm den Wanderweg durch den Buchenwald zur Großen Stubbenkammer. Am Königsstuhl, wenn man aus dem Wald heraustritt, öffnet sich dem Betrachter der Blick so groß und weit, dass man ihn kaum erfassen kann, als ob man eine Art »Lebensschau« erhält. Die Große und die Kleine Stubbenkammer sind mit dem Hochzeitsbild Caspar David Friedrichs aus dem Jahr 1818 und mit vielen Sepiazeichnungen von den Felsen untrennbar verbunden. Einer der besonderen Momente, als ob sich mein Leben dort erfüllte, so habe ich es empfunden.

2016 besuchte ich auf der Durchreise nach Auschwitz zum ersten Mal Dresden und seltsamerweise wurde mir erst zu diesem Zeitpunkt so richtig bewusst, dass Caspar David Friedrich in der Stadt gelebt hatte und dort begraben liegt. Ich habe mich quasi schockverliebt. Seitdem bin ich jedes Jahr ein- bis zweimal in der Stadt. Eine weitere Verbindung zu Dresden stellt der Maler Egon Pukall mit seinen Gemälden her, der, 1989 gestorben, im Loschwitzer Künstlerhaus lebte und die Elblandschaften seiner Heimat malte. Von Pukall befinden sich mittlerweile 13 Gemälde und Zeichnungen in meiner Sammlung, mein Schlafraum hängt voll mit seinen Arbeiten. Auch er malte diese Sehnsuchtsmotive.

In Dresden quartiere ich mich immer in einer kleinen Privatpension am Körnerweg in Loschwitz ein, die von einem älteren Ehepaar betrieben wird, eine Elbvilla am Hang aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Man frühstückt im privaten Salon der Betreiber, die Dielen knirschen bei jedem Schritt. Bei meinen Wanderungen entlang der Elbe Richtung Elbsandsteingebirge suche ich u. a. nach den Motiven, die Pukall malte und habe einige Stellen mit exakt dem gleichen Blick wiedergefunden. Die Elbfähre und die Elbinsel beim Schloss Pillnitz hat Pukall auch dargestellt, meine Bilder sind anders. Und bei jedem Besuch lege ich eine Blume auf sein Grab im Loschwitzer Friedhof, den er so häufig gemalt hat. 

Wir Maler und Malerinnen stehen seit Jahrhunderten in einer geheimnisvollen geistigen Verbindung zueinander, beziehen uns in unseren Arbeiten aufeinander und reichen »die Fackel der Malerei« von einer Generation zur nächsten weiter. Wir bauen alle an demselben Haus.

Im Grunde könnte man meine Gemälde als »Nebenprodukte« meiner Wanderungen durch Deutschland bezeichnen.

Jan Schüler, im April 2026

 

Jan Schüler. Deutsche Landschaft

Pressemitteilung zur Ausstellung in der Galerie Poll, Berlin, 12. Januar bis 25. Februar 2023

Unter dem Titel »Deutsche Landschaft« zeigen die Berliner Galerie Poll und der Kunstverein Langenfeld Arbeiten des Malers Jan Schüler aus den Jahren 2016 bis 2022. Aus Anlass seines 60. Geburtstages ist eine umfangreiche Publikation mit Beiträgen von Marita Keilson-Lauritz, Magdalena Kröner, Nana Poll, Jan Schüler und Gideon Schüler in Vorbereitung. Sie wird während der Ausstellung im Gespräch des Journalisten Jochen L. Stöckmann mit dem Künstler vorgestellt.

Während Schüler früher vor allem Personen aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis, der Familie sowie Pop-Idole porträtiert hat, malt er seit einigen Jahren Motive aus Städten und Landschaften, die mit der deutschen Geschichte assoziiert werden, aber auch mit persönlichen Erinnerungen und seiner Biografie verknüpft sind.

Dazu gehören die Landschaften seiner Heimat Hessen und des Rheinlands, Städte wie Dresden und Frankfurt am Main als Zentren der deutschen Romantik, Weimar als Gründungsort der ersten deutschen Republik und Wohnsitz Goethes und Schillers, Düsseldorf mit seiner bekannten Akademie, an der Schüler Kunst studierte.

Mit »Berlin« entsteht seit 2017 eine Reihe, in der historische Ereignisse wie der Zusammenbruch des Dritten Reiches, die Teilung der ehemaligen Hauptstadt durch den Bau der Mauer und Szenen der Wiedervereinigung in ihrer Bildwirkung auf das kollektive Gedächtnis dargestellt werden. Als subjektive Einflüsse kommen für den Künstler persönliche Begegnungen hinzu sowie biografische Bezugspunkte durch seinen Großvater und seine Mutter, die in Berlin Kunst studierten. Seit seinem ersten Besuch 1981 ist Berlin für ihn ein Sehnsuchtsort geblieben.

Von den in der Ausstellung gezeigten Arbeiten haben »Blick von der Hohen Leuchte zum Frauenberg (Vater)« von 2019 und »Vater (Blick vom Schiffenberg)« von 2017 autobiografische Bezüge. Jan Schüler holte seinen Vater in den Jahren vor seinem Tod regelmäßig zu Tagesausflügen nach Marburg ab, wo er aufgewachsen war. Am Fuße des Gießener Schiffenbergs ist Gideon Schüler in einem Bestattungswald begraben. »Dresden: Die Elbe bei Schloss Pillnitz« von 2022 oder »Weimar: Blick aus Goethes Wohnhaus in den Garten« von 2022 werden in der Ausstellung Bildmotiven gegenübergestellt wie »Herbstabend in Birkenau« von 2017, »Deutsches Stillleben« von 2016 und »Edek (Treblinka)« von 2019, die nach Schülers Besuchen von KZ-Gedenkstätten entstanden. Aus der Berlin-Reihe sind »Berlin: Abend am Olympiastadion« von 2019 und »Berlin: Abend an der Mauer« von 2021 zu sehen.

Charakteristisch für Schülers Bilder ist seine präzise Malerei, die sich durch glatte Oberflächen und hart voneinander abgegrenzte Formen und Farbflächen auszeichnet. In seinen Menschendarstellungen sowie in seinen Stadtansichten und Landschaften verzichtet er auf Details. Weder Personen, noch Häuser, Laternenmasten, Zäune, Bäume und Wolken werden naturalistisch dargestellt, sondern sind durchweg stark stilisiert. Architekturen und Landschaften bleiben menschenleer, kein Vogel fliegt am Himmel und auf den Flüssen verkehrt kein Schiff. Lediglich Plakatanschläge mit Großaufnahmen menschlicher Gesichter – mal lächelnd, mal mit einer Träne im Auge – deuten darauf hin, dass bei aller technischen Perfektion Gefühle und Erinnerungen des Malers mit im Spiel waren.

Es bleibt also dem Betrachter überlassen, ob er sich auf Abgründe und Untiefen hinter der perfekten Oberfläche einlässt oder Jan Schülers Malerei in ihrer Schönheit auf sich wirken lässt. In dieser Doppelgesichtigkeit, in der zart angedeuteten Fragilität ihrer scheinbar bruchlosen Ästhetik liegt der Reiz der Bilder.

Nana Poll, Berlin 2023

 

Jan Schüler. Malerei

Pressemitteilung zur Ausstellung im Oberhessischen Museum, Gießen, 2. September bis 31. Oktober 2004

Die Landschaften und Portraits von Jan Schüler erscheinen monumental. Nichts verliert sich im Detail, alles ist kräftig und eindeutig gefügt von einer konstantinischen Eindringlichkeit. Man sieht nicht das Haar, sondern Haarwülste, Haarbänder. Alles ist groß gesehen und wie auf Fernsicht bedacht.

Diese emblematische Qualität schafft aus jeder Landschaft, aus jedem Portrait ein Sinnbild, unterstützt durch Attribute, Symbole, Kennzeichen; das können Blumen, Tiere oder Etiketten sein. Auch der Mensch selbst wird zum Attribut der Landschaft oder des anderen.

Das Gefügte der Köpfe und Körper bis in das Geäst der Achselbehaarung, die geschnitzten Flußlandschaften, das Sofa des Mundes, das zum Verweilen einlädt, die Muskelstränge und die Plateaus der Nasenspitzen, das Leuchten der Augäpfel, die Gliederung durch Licht und Schatten, führen die Feinmalerei Jan Schülers zu einer überzeitlichen Gültigkeit. Dazu tragen auch die Gesten bei, die Ausschnitthaftigkeit, der undefinierte Raum.

Trotz ihrer Verhaltenheit besitzen die Bilder eine kraftvolle Ausstrahlung. Dies liegt auch daran, weil der Gehalt der Dinge und Teile wichtiger ist als das Subjektive, weil alle Teile und Dinge auf ein Bedeuten außerhalb des Subjektiven oder des Individuellen zielen. Die Kurzatmigkeit unserer Zeit ist zur Ruhe gebracht.

So verwandelt sich ein »Blumenmädchen« zu einer magischen Göttin des Blühens, zu etwas Absolutem. Klar und ohne Irritation, ästhetisch und feierlich sind diese Bilder, Leitsterne zu einem Ideal: Innenschau, Traum und Ziel.

Friedhelm Häring, Gießen 2004