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Pressemitteilung zur Ausstellung in der Galerie Poll, Berlin 2018 

Nach Figuren- und Landschaftsbildern stellt die Galerie Poll in ihrer dritten Einzelausstellung von Jan Schüler seine neue, seit 2017 entstehende Reihe der Berlin-Bilder vor. Stammten die bisherigen Bildthemen mit Porträts von Freunden, Pop-Idolen oder Rheinlandschaften aus dem unmittelbaren Lebensbereich von Jan Schüler, hat der Künstler 2016 damit begonnen, in seinen Gemälden die gesellschaftlichen und politischen Umstände, in denen er aufgewachsen ist, zu reflektieren. Hierzu gehörte für den 1963 geborenen Maler zuallererst eine Auseinanderset­zung mit dem Thema Auschwitz in der Reihe „Schwarze Blumen“ (2016/2017). Dieser Reihe folgt nun mit „Berlin“ eine Serie, die sich mit der Stadt von 1945 bis heute auseinander­setzt.

Der Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945, die Teilung der ehemaligen Hauptstadt durch die Mauer 1961 und die Wiedervereinigung 1990 sind historische Bezugspunkte, in jedem Geschichtsbuch wie auch im kollektiven Gedächtnis. Für den Künstler kommen persönliche Begegnungen hinzu sowie biographische Bezugspunkte durch seinen Großvater mütterlicherseits und seine Mutter. Seit seinen ersten Besuchen 1981 in der Mauerstadt ist Berlin bis heute ein Sehnsuchtsort für ihn.

Für Künstlerinnen und Künstler verschiedener Epochen war Berlin mit seinen Widersprüchen zwischen äußerer Erscheinung und innerer Verfaßtheit seit jeher anregend: Hans Baluschek, Max Beckmann, Lovis Corinth, Eduard Gaertner, Werner Heldt, Karl Hofer, Ernst Ludwig Kirchner, Adolph Menzel, Lesser Ury, aber auch Rainer Fetting, Karl Horst Hödicke oder Wolf Vostell sahen ihre Stadt als Inspirationsquelle. Schüler nähert sich dem Berlin-Thema in seiner charakteristischen kühlen, reduzierten Malweise.

Seine Reihe beginnt mit einem Bild der zerstörten Stadt: „Berlin: Mai 1945“. Das große Querformat lenkt den Blick auf menschenleere Häuserruinen und Trümmerberge nach den Bombenangriffen. Das andere große Querformat der Ausstellung, „Berlin: Transit BRD“, zeigt die Autobahn Richtung Berlin, Hauptstadt der DDR. Die eigens ausgeschilderte Transitstrecke durch die DDR hat sich in das allgemeine Bildgedächtnis eingeschrieben. Dies gilt auch für das Motiv „Berlin: Sportpalast“.

Die übrigen Gemälde der auf insgesamt zwanzig Bilder angelegten Reihe zeigen Berliner Orte wie Hauseingänge, Hinterhöfe oder S-Bahnhöfe, die über ihre Identifizierbarkeit als typische Berliner Orte hinaus für Jan Schüler auch eine biographische Bedeutung haben.

„Berlin: Großgörschenstraße 35“ zeigt die Vorderfront des Gebäudes, in dessen Hinterhof von 1964 bis 1968 die erste Produzentengalerie Deutschlands ihr Domizil hatte. Dieses Bild ist ein Schlüsselwerk der Reihe. Schülers Mutter war in den fünfziger Jahren die Freundin von Peter Sorge, einem Gründungsmitglied der Künstlerselbsthilfe­galerie Großgörschen 35. Nach deren Auflö­sung wurde im Jahr 1968 die Galerie Poll gegründet. Peter Sorge gehört bis heute zu deren Stammkünstlern.

Die Szenerie der sieben bisher entstandenen Gemälde der Berlin-Reihe bleibt menschenleer. Ab und an ergänzen Plakate mit maskenhaften lächelnden oder weinenden Antlitzen die Architekturansichten. Ob auch Berliner Persönlichkeiten in der Reihe auftauchen werden, ist abzuwarten. Das Bild „Signale (Eva Poll)“ aus dem Jahr 2011, das in die aktuelle Ausstellung der Berlin-Bilder aufgenommen wurde, könnte darauf hindeuten.

 

Friedhelm Häring über Jan Schüler zur Ausstellung im Oberhessischen Museum, Gießen 2004

Die Landschaften und Portraits von Jan Schüler erscheinen monumental. Nichts verliert sich im Detail, alles ist kräftig und eindeutig gefügt von einer konstantinischen Eindringlichkeit. Man sieht nicht das Haar, sondern Haarwülste, Haarbänder. Alles ist groß gesehen und wie auf Fernsicht bedacht.

Diese emblematische Qualität schafft aus jeder Landschaft, aus jedem Portrait ein Sinnbild, unterstützt durch Attribute, Symbole, Kennzeichen; das können Blumen, Tiere oder Etiketten sein. Auch der Mensch selbst wird zum Attribut der Landschaft oder des anderen.

Das Gefügte der Köpfe und Körper bis in das Geäst der Achselbehaarung, die geschnitzten Flußlandschaften, das Sofa des Mundes, das zum Verweilen einlädt, die Muskelstränge und die Plateaus der Nasenspitzen, das Leuchten der Augäpfel, die Gliederung durch Licht und Schatten, führen die Feinmalerei Jan Schülers zu einer überzeitlichen Gültigkeit. Dazu tragen auch die Gesten bei, die Ausschnitthaftigkeit, der undefinierte Raum.

Trotz ihrer Verhaltenheit besitzen die Bilder eine kraftvolle Ausstrahlung. Dies liegt auch daran, weil der Gehalt der Dinge und Teile wichtiger ist als das Subjektive, weil alle Teile und Dinge auf ein Bedeuten außerhalb des Subjektiven oder des Individuellen zielen. Die Kurzatmigkeit unserer Zeit ist zur Ruhe gebracht.

So verwandelt sich ein „Blumenmädchen“ zu einer magischen Göttin des Blühens, zu etwas Absolutem. Klar und ohne Irritation, ästhetisch und feierlich sind diese Bilder, Leitsterne zu einem Ideal: Innenschau, Traum und Ziel.